Hochschulen sozial gestalten – Ein Forderungspapier für die niedersächsische Landtagswahl 2018

Sechzehn Jahre nach der Bologna-Erklärung ist die darauf folgende Reform weitestgehend umgesetzt. Ihre Prämissen und Imperative sind im Verbund mit dem Konsens der Politik für eine neoliberal-wettbewerbliche Orientierung der Hochschulen weitestgehend zu den bestimmenden Faktoren im Hochschulwesen geworden. Damit insbesondere verbunden sind Schlagworte wie „Humankapital“ und „Employability“, eine erhöhte Verschulung und Einengung des Studiums sowie das Konzept der unternehmerischen Hochschule. Diese passt ihre Bildung an Marktzwänge an und muss sich im Wettbewerb um verknappte Finanzmittel behaupten. Wettbewerbsgeleitete Managementstrukturen und Standortwettbewerb prägen so derzeit die Hochschulen. Die aktuelle Generation von Präsident*innen befeuert dazu noch einen unnötigen Wettbewerb um Studieninteressierte. Das hat Auswirkungen auf die Hochschulangehörigen. Durch einen zentralisierten, einerseits überbürokratisierten und andererseits entdemokratisierten Kontrollapparat werden diese nach ihrer Verwertbarkeit kategorisiert, bewertet und sortiert. Letztlich werden sie dadurch auch diszipliniert und damit an Märkte und marktbestimmte Konformitätsvorstellungen angepasst. Eine freie Bildung ist unter diesen Umständen kaum möglich. Dazu zeigen Abbrecher*innenzahlen sowie Statistiken zu Burnout, Depression und Medikamentenmissbrauch, dass das aktuelle Bachelor- und Masterstudium Menschen krank macht. Der Druck, sich Regelstudienzeiten und Prüfungszwängen anzupassen, ist oft größer, als die Möglichkeit, die noch gebliebenen Freiheiten zu nutzen. All das sind prekäre Studiums-, Arbeits- und Lebenssituationen. Das trifft insbesondere diejenigen Mitglieder unserer Gesellschaft, die auch aufgrund ihrer sonstigen Lebenssituation weniger anpassungsfähig sind.


Aufgrund dieser Missstände wollen wir uns im Wahlkampf und nach der Landtagswahl 2018 für ein Ende dieser prekären Verhältnisse und Situationen stark machen und uns stattdessen für soziale Bedingungen in Studium und Arbeit an niedersächsischen Hochschulen einsetzen. Selbiges fordern wir hiermit von den kandidierenden und insbesondere von den danach regierenden Parteien.


Finanzielle Situation von Student*innen

Das Studium wird nach wie vor in erheblichem Maße durch den finanziellen Hintergrund der Menschen mitbestimmt. In kaum einem europäischen Staat hängt der Studienerfolg junger Menschen so sehr vom Bildungshintergrund der Eltern und damit allzu oft auch vom finanziellen Hintergrund ab. Dies steht der Forderung nach Bildungsgerechtigkeit entgegen und ist nicht hinnehmbar. Wir fordern einen konsequenten Einsatz für Verbesserungen in diesem Bereich, insbesondere durch einen Ausbau der BAföG-Förderung, einer Förderung von sozialem Wohnungsbau und der Abschaffung von Bildungsgebühren.


BAföG

Das Finanzierungsmodell der BAföG-Förderung weist erhebliche Lücken auf. BAföG ist, mit wenigen Ausnahmen, an die Regelstudienzeit gebunden und ermöglicht daher weder ein wirklich vertieftes Lernen noch den Blick über den Tellerrand des eigenen Studienfaches noch ein Scheitern oder ein Umentscheiden bezüglich des Studienfaches über einen begrenzten Zeitraum hinaus. BAföG ist (für die Meisten) abhängig vom Einkommen der Eltern und damit nur wenigen Menschen zugänglich, wobei sich in der Praxis immer wieder zeigt, dass die Berechnungsgrundlagen an der Realität völlig vorbeigehen und viele Menschen, die eigentlich darauf angewiesen wären, kein oder nur wenig BAföG erhalten. BAföG ist außerdem gebunden an das Alter, wodurch Student*innen über dreißig davon völlig ausgeschlossen sind. Dies bevorteilt vor allem Menschen mit einem sehr geraden Lebenslauf ohne Umwege. Dies sind nur einige der größten Probleme. Wir fordern daher eine Überarbeitung des Finanzierungsmodells BAföG in Richtung einer elternunabhängigen Studienfinanzierung für alle.


Bezahlbarer Wohnraum

Das Fehlen von bezahlbarem Wohnraum ist ein generelles soziales Problem, das in vielen Hochschulstädten aber insbesondere Student*innen sehr stark betrifft. Eine Konzentration von Wohnungsbaumaßnahmen auf teuren und exklusiven Wohnraum schafft eine zusätzliche Belastung, vor allem für Student*innen (z.B. durch kaum zur Verfügung stehenden Wohnraum für Wohngemeinschaften), die mit geringen finanziellen Mitteln auskommen müssen. Dies befördert also indirekt die Bildungsungerechtigkeit. Wir fordern Sie auf, sich dafür einzusetzen, dass mehr Wohnungsbau im niedrigen und mittelpreisigen Segment stattfindet, anstatt dass Flächen an Investoren vergeben werden, die Luxuswohnungen bauen.


Gebühren

Die allgemeinen Studienbeiträge wurden in Niedersachsen von der derzeitigen Landesregierung abgeschafft. Übrig blieben jedoch Gebühren, die weiterhin selektiv wirken. So sind Verwaltungsgebühren nichts weiteres als Studiengebühren mit einem anderem Namen. Auch Langzeitstudiengebühren lehnen wir ab, da sie eine Belastung all jener bedeuten, die ohnehin schon aufgrund des Auslaufens von BAföG-Ansprüchen und anderer finanzieller Vergünstigungen (z. B. Krankenversicherung) einer Mehrbelastung ausgesetzt sind. Darüber hinaus lehnen wir eine stetige Erhöhung von Studentenwerksbeiträgen ab. Die Studentenwerke sollten vom Land angemessen mitfinanziert werden, um ihren Aufgaben nachzukommen. Das kann nicht von den Student*innen allein getragen werden, wie es in den letzten Jahren zu oft der Fall war.


Student*innen in besonderen Lebensumständen

Neben diesen finanziellen Situationen sind es auch besondere Lebensumstände einiger Student*innen, die ein Studium verhindern. Student*innen in diesen Lebenslagen sollten gezielt gefördert werden bzw. gesetzliche und strukturelle Hürden, die in diesen Situationen Probleme verursachen, sollten abgebaut werden. Beispielhaft werden hier Frauen* im Mutterschutz und Geflüchtete behandelt.


Mutterschutz

Nach der lange überfälligen Novellierung des Mutterschutzgesetzes auf Bundesebene, sind viele Fragen zum Schutz und zur Absicherung von Schülerinnen*, Praktikantinnen* und Studentinnen* offen geblieben. Zwar soll es diesen Frauen* möglich sein, den Mutterschutz mit den regulären Schutzzeiten in Anspruch zu nehmen, und diese Novelle ist in der Tat zu begrüßen, doch wird der anderen Lebenssituation der hier Betroffenen keinerlei Rechnung getragen. Es müssen auf Landesebene schnellstmöglich Antworten auf die Fragen gefunden werden, die auf Bundesebene unbeantwortet blieben.

So wäre ein Aufschub jeglicher Fristen in Bezug auf Prüfungen und Abgaben eine gute Lösung, die Frauen* die Möglichkeit bietet, ihre Tätigkeit z.B. als Studentin* in dem Maße fortzuführen, in dem sie es individuell wünschen. Denn die Belastungen der verschiedenen Prüfungsformen sind sehr unterschiedlich. Deswegen braucht es zum Beispiel die Flexibilität, eine schriftliche Prüfung abzugeben, aber an einer Sportprüfung nicht teilzunehmen. Des weiteren sind jegliche Probleme bezüglich der finanziellen Absicherung der entsprechenden Personen in der Bundesgesetzgebung nicht tangiert worden. Student*innen fallen, sofern sie nicht in einem regulären Arbeitsverhältnis sind oder BAföG erhalten, durch jegliche Raster, da sie weder regulär Geld aus ihrer vorherigen Tätigkeit erhalten, noch das Recht auf ALG II haben. Zudem erhalten sie auch die regulären Tagessätze nicht, die andere Frauen bekommen. Die zwingende Konsequenz ist entweder eine Abhängigkeit von Eltern oder Partner*innen oder die Notwendigkeit, sich anderweitig Geld zu beschaffen. Es muss eine Möglichkeit gefunden werden, Frauen in dieser Situation abzusichern und ihr Einkommen mindestens für die Schutzzeit auf den BAföG-Höchstsatz aufzustocken.


Geflüchtete an Hochschulen

Geflüchtete Menschen erleben derzeit starke Hürden beim Versuch, Hochschulen zu besuchen und insbesondere dabei, ein reguläres Studium zu absolvieren. Zu diesen Hürden gehört nicht nur die bürokratische Anerkennung von geleisteten Abschlüssen, sondern auch finanzielle Hindernisse. So werden notwendige Sprachkenntnisse nicht ausreichend gefördert, ein erheblicher Teil niedersächsischer Hochschulen ist Mitglied bei der Bewerbungsplattform Uni-Assist mit ihren rassistischen Gebühren und es gibt vielfach keine Finanzierungsmöglichkeiten, die Geflüchteten- und Student*innen-Status miteinander verbinden. Die Sonderprogramme, die an verschiedenen niedersächsischen Hochschulen eingerichtet wurden, waren ein wichtiger Schritt, doch sollte es Geflüchteten langfristig möglich sein, einen regulären Hochschulzugang mit offiziellem Student*innen-Status zu erreichen. Dazu wird auch dauerhaft eine Weiterentwicklung der Sozial-, Rechts- und Studienberatungen nötig sein. Geflüchtete Menschen leiden ganz besonders unter der Prekarisierung der Gesellschaft durch entsprechende „Sonderbehandlungen“. Diese Diskriminierungen und Kriminalisierungen müssen zugunsten würdiger Lebensbedingungen von Geflüchteten sofort beendet werden.


Studiumsqualität / Studierbarkeit

Der finanzielle Druck und besondere Lebenslagen entfalten besonders im Rahmen der derzeitigen Studiumssituation an den Hochschulen eine Wirkung, die bei den meisten Student*innen zu sozialer Unsicherheit führt. Dort herrscht vielfach ein Misstrauen gegenüber den Student*innen und es wird auf Druck gesetzt, um sicher zu gehen, dass diese auch ihrer vermeintlich vorgesehenen Beschäftigung nachgehen: lernen. Dieser Druck lässt dabei zu wenig Raum für kritisch hinterfragende Bildung. Die Situation macht aber selbst ohne solche Ansprüche an ein Studium krank und wird den besonderen Bedürfnissen vieler Student*innen nicht gerecht.


Akkreditierungswesen

Wichtig für sinnvolle Studienreformen ist eine Reform des Akkreditierungswesens der Studiengänge. Dieses sollte bundesweit einheitlich gestaltet sein. Sowohl bundesweit als auch in den verschiedenen Gremien der Hochschulen vor Ort müssen dabei demokratische Prozesse mit studentischer Beteiligung durch die Reform gestärkt werden, anstatt die Genehmigung der Studiengänge privatwirtschaftlich organisierten Agenturen zu überlassen.


Regelstudienzeit

Die Regelstudienzeit dient nicht nur der Begrenzung von finanzieller Unterstützung oder gar dem Beginn der Sanktionen, sondern sorgt auch für die Normierung finanziell unabhängiger Student*innen. Die Regelstudienzeit zu übertreten ist häufig eine enorme Hürde – dennoch tun es 40% der Student*innen deutschlandweit. Wir wollen diese Grenze auflösen, um diesen und den anderen 60% der Student*innen eine Hochschulbildung nach ihren eigenen Maßstäben zu erleichtern oder erst zu ermöglichen.


Anwesenheitspflicht

Eine generelle Anwesenheitspflicht in Studiums- und Prüfungsordnungen wurde zwar zuletzt gesetzlich untersagt. Diese Regelung greift bisher jedoch noch nicht, da didaktische Konzepte von Lehrveranstaltungen vielfach darauf abzielen, dass die Student*innen anwesend sind. Anwesenheit bei Lehrveranstaltungen kann auch durchaus sinnvoll sein und wir unterstützen Student*innen dabei, auch mit ihren Kommiliton*innen und den Lehrenden in direkten Kontakt zu treten. Ein Zwang kann dabei aber nicht die Lösung sein. Dieser verschärft nur die Unvereinbarkeit von Studium und anderen Bedürfnissen und Nöten, wie den Zwang, Geld zu verdienen. Auch schleppen sich Student*innen so oft selbst dann zu den Veranstaltungen, wenn sie krank sind. Darüber hinaus garantiert eine reine physische Anwesenheit keinesfalls bessere Lernbedingungen als ein Selbststudium der Veranstaltungsinhalte. Dieser Zwang ist vielfach eine Kulturfrage unter den Dozent*innen, aber auch die Politik kann bessere Lernbedingungen durch Strukturen und Gelder fördern.

Forschung und Arbeitsbedingungen an Hochschulen

Strukturen und Geld sind nicht nur für die Studierbarkeit auch außerhalb der Normen wichtig, sondern auch für die Forschung und die Arbeitsbedingungen an den Hochschulen.

Ausfinanzierung der Hochschulen statt Forschung im Wettbewerb

Deswegen fordern wir eine ausreichende Finanzierung der Hochschulen, die nicht relativ zu den Zahlen der eingeschriebenen Student*innen stetig weiter sinkt. Eine Ersatzfinanzierung wird derzeit durch (vor allem staatliche) Drittmittel erreicht. Diese Gelder hängen jedoch an der wettbewerblichen Profilierung einzelner Projekte. Die Speerspitze solcher Wettbewerbe ist die Exzellenzstrategie. Ein solcher Wettbewerb ist wissenschaftsfeindlich.

Viel Zeit wird darauf verwendet, Projekte zu beantragen, ohne letztendlich in ihnen forschen zu können. Das schlägt sich auch auf die Arbeitsbedingungen nieder. Wer nicht gerade eine Professor*innen-Stelle inne hat, ist von solchen Projekten in der Forschung und damit als Arbeitskraft abhängig. Das bedeutet für viele Hochschulangehörige, befristet und unregelmäßig beschäftigt zu sein. Dieser Prekarisierung des akademischen Mittelbaus muss ein Ende gesetzt werden.

Wissenschaft in Verantwortung

Zudem wird unter wettbewerblichen Bedingungen nur beantragt und genehmigt, was nach aktuellen Gesichtspunkten produktiv und verwertbar erscheint. Wir sagen aber, dass Wissenschaft eine größere Verantwortung hat als die Realisierung von Innovationen und Verbesserungen, die sich vorher die Politik in ihren Wettbewerbsausschreibungen ausgedacht hat. Wir wollen auch mutige und zunächst irrelevant anmutende Forschung ermöglichen. Erst diese hat die Möglichkeit, zukünftige Grundlagenforschung zu werden. Zudem stehen wir hinter der Forderung nach einer Zivilklausel, die der Wissenschaft ihre Verantwortung im Sinne einer nachhaltigen, demokratischen und friedlichen Zukunft bewusst macht und Rüstungsforschung ausschließt.


Schlusswort

Für all diese Formen der Prekarisierung an niedersächsischen Hochschulen ist es zudem wichtig, interne Demokratie zu stärken. In der nun auslaufenden Legislaturperiode wurden dabei zwar einige kleine, insgesamt aber enttäuschende Schritte getan. Wir fordern nun alle Parteien dazu auf, die Landtagswahl 2018 und die nachfolgende Legislaturperiode dazu zu nutzen, Bildungsgerechtigkeit, echte Wissenschaftsfreiheit und Demokratie an niedersächsischen Hochschulen zu stärken. Ansatzpunkte können dabei insbesondere die in diesem Forderungspapier genannten sein, aber es lassen sich sicherlich viele weitere Punkte ausmachen. Wir bieten zu diesem Zweck auch allen Parteien eine Intensivierung der Zusammenarbeit mit den Student*innen-Vertretungen an.

Offener Brief der Studierendenschaften zur Thematik ‚Rahmenvertrag VG-Wort/KMK‘

In der letzten Woche haben KMK und VG Wort erklärt, dass ein erneutes Verhandlungsteam sich mit der Situation auseinandersetzen wird und heute haben diese Verhandlungen bereits zu den ersten Ergebnissen geführt. Als Zwischenlösung wird es bis September 2017 wie bisher eine pauschale Vergütung für die Ansprüche der VG Wort geben (siehe genaueres). Dies begrüßen wir ausdrücklich. Jedoch kann dies nur ein erster Schritt sein und es müssen jetzt schnell weitere unter explizitem Einbezug der Studierenden erfolgen.

Die Landes-ASten-Konferenz Niedersachsen (LAK) hat sehr schnell nach der Unterzeichnung des Rahmenvertrags auf die Gefahren hingewiesen und damals gefordert, zur Pauschalabrechnung zurückzukehren.

Thorben J. Witt, Koordinator der LAK: „Nach weiteren Diskussionen wurde aber deutlich, dass dies nur eine Zwischenlösung sein kann. Langfristig brauchen wir eine Änderung des Urheberrechtes, um der Rolle der Digitalisierung in Gesellschaft insgesamt sowie im Bildungs- und Wissenschaftswesen insbesondere gerecht zu werden.“

In Lüneburg fand am Wochenende zudem eine Demonstration statt, auf der neben der Umstrukturierung des Studiums auch die Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit durch diese Regelung problematisiert wurde. Auf einer studentischen Vollversammlung wurde dort auch dieser offene Brief unterstützt, ebenso wie vom AStA der Hochschule Osnabrück, dem AStA der Jade Hochschule in Wilhelmshaven und der LAK im gesamten.

Wir sehen in diesem Brief ein Gesprächsangebot von unserer Seite, wollen aber gleichzeitig klarstellen, dass die Situation, wie sie sich jetzt gezeigt hat, von uns nicht hingenommen wird. Dieser offene Brief ist an die Präsidentin der Kultusministerkonferenz Frau Senatorin Dr. Claudia Bogedan, die Ministerin für Bildung und Forschung Frau Prof. Dr.  Johanna Wanka, den Minister für Justiz und Verbraucherschutz Heiko Maas und die Mitglieder des Bundestagsausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung gerichtet.

Offener Brief der Studierendenschaften zur Thematik ‚Rahmenvertrag VG-Wort/KMK‘

 

Einladung LAK-Sitzung 02.12.2016

hiermit möchten wir euch zur nächsten Sitzung der LAK Niedersachsen einladen. Die Sitzung wird am Freitag, den 02.12.2016 um 14:00 Uhr im AStA der Uni Hannover stattfinden.

Hier die vorgeschlagene Tagesordnung:
TOP 1: Begrüßung und Tagesordnung
TOP 2: Berichte
TOP 3: Wahl der Koordinator*innen
TOP 4: Klausurtagung

TOP 5: Wort VG
TOP 6: Politische Positionierung zum Wahlprogrammprozess der Parteien in Niedersachsen zur Landtagswahl 2018
TOP 7: Studentischer Akkreditierungspool

TOP 8: Exellenz-Strategie
TOP 9: E – BAföG
TOP 10: Mutterschutzgesetz

TOP 11: Gesellschaft Macht Geschlecht
TOP 12: Lernfabriken Meutern Kongress
TOP 13: Sonstiges

Wir freuen uns auf die Sitzung und hoffen auf zahlreiches Erscheinen und eine konstruktive Zusammenarbeit!

Studieren wie in den 90ern? Wir sehen uns am Kopierer!

Ab dem 1.1.2017 werden nach aktuellem Stand die Möglichkeiten, Studierenden auf legale Weise Lehrmaterialien zur Verfügung zu stellen, deutlich eingeschränkt.

Die Kultusministerkonferenz (KMK), der Bund und die Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) haben sich auf einen neuen Rahmenvertrag zur Vergütung von Ansprüchen für Nutzungen von wissenschaftlicher Literatur nach § 52a UrhG an öffentlichen Hochschulen verständigt.
Der § 52a UrhG erlaubt die Verbreitung kleiner Teile (bis zu 12% oder 100 Seiten eines Werkes) urheberrechtlich geschützten Materials zur Verwendung im Unterricht, in der Lehre und in der Forschung innerhalb eines abgegrenzten Personenkreises. Eine Vergütung wurde bislang über eine pauschale Abrechnung an die VG Wort abgegolten. Diese erstritt sich jedoch vor dem Bundesgerichtshof (BGH) die Möglichkeit einer Einzelfallabrechnung. Der BGH urteilte 2013, der dadurch entstehende Aufwand sei angemessen.

So ändert sich ab dem 01.01.2017 diese Praxis, wodurch entsprechende Werke einzeln gemeldet und vergütet werden müssen. Anders als das BGH-Urteil andeutet, bedeutet dies allerdings einen deutlich höheren Aufwand für Lehrende und Studierende an den Hochschulen. Im Rahmen eines Pilotprojektes an der Universität Osnabrück im Wintersemester 2014/2015 wurde durch die nötigen Einzelmeldungen auf Seiten der Lehrenden ein deutlich erhöhter Zeitaufwand für das Zurverfügungstellen von Literatur festgestellt, während bei den Studierenden der Aufwand für die Beschaffung von Literatur deutlich zunahm.
Dazu Philipp Neubarth, Referent für allgemeine Angelegenheiten der Studierendenschaft im AStA der Universität Osnabrück: “62% der Studierenden gaben bei der abschließenden Befragung an, dass sie einen höheren oder sehr viel höheren Aufwand bei der Literaturbeschaffung betreiben mussten, weil die Texte nicht mehr in gewohnter Weise von den Dozierenden zur Verfügung gestellt werden konnten. Tatsächlich wurde nur knapp ein Viertel der bisherigen Texte hochgeladen.” Darüber hinaus waren die von den Lehrenden vorgenommen Meldungen zu großen Teilen weder vollständig noch korrekt. Dazu kommen die zu erwartenden Kosten, welche sich an der Universität Osnabrück auf insgesamt 26.000 Euro pro Semester belaufen würden. Weitere 50.000 Euro an Kopierkosten würden allein auf die Studierenden entfallen.

Da die niedersächsische Landeshochschulkonferenz (LHK) einstimmig erklärte, den Vertrag mit der VG Wort nicht zu unterschreiben, dürfen ab dem 01.01.2017 urheberrechtlich geschützte Werke nur noch dann in den Lernmanagementsystemen (LMS) zugänglich gemacht werden, wenn die Nutzung durch § 51 UrhG (Zitatrecht) abgedeckt ist oder anderweitige Lizenzen vorhanden sind.
“Die Entscheidung der LHK, den Vertrag zu boykottieren halten wir als Studierendenschaften trotz der voraussichtlichen tiefgehenden Änderung ab Januar für unausweichlich, da die gegebene Alternative keine praktikable ist. Einer Unterwerfung der Verbreitung von Wissen unter Profitinteressen stehen wir grundsätzlich kritisch gegenüber. Die vorgesehenen Regelungen sind jedoch besonders unzumutbar und gefährden die Freiheit von Forschung und Lehre“, kommentiert Koordinator der LandesAStenKonferenz Thorben J. Witt
Zudem würde die Unterzeichnung des Vertrages durch die Hochschulen keinesfalls  bedeuten, dass Inhalte nach § 52a UrhG wie gehabt verwendet werden dürften, da im Vertrag eine Vorrangigkeit von Verlagsangeboten festgeschrieben ist. Das heißt, dass vor der Nutzung eines Textes geprüft werden muss, ob ein Angebot eines Verlages für diesen Text vorliegt, das dann auch angenommen werden müsste. Somit bedeuten sowohl die Unterzeichnung als auch die Nichtunterzeichnung einen höheren Kostenaufwand für den Erwerb von Verlagslizenzen zur Nutzung von Literatur, der insbesondere kleiner Hochschulen ohne die dafür notwendigen finanziellen Kapazitäten träfe.

Den niedersächsischen Studierendenschaften stellt sich somit die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die KMK den Rahmenvertrag mit der VG Wort trotz der negativen Erfahrungen aus Osnabrück, unterzeichnen konnte. Laura Boese, Referentin für Allgemeine Angelegenheiten der Studierendenschaft im AStA der Universität Osnabrück: “Bislang ist es noch völlig unklar, wie die KMK dazu kam, diesen Rahmenvertrag zu unterschreiben. Die Regelungen mögen zwar im Einklang mit der Rechtsprechung sein, sind aber vollkommen realitätsfern. Die Bedingungen an den Hochschulen werden durch diese Änderung um viele Jahre bis in die 90er zurückgeworfen! Die Vorteile, die wir durch die online verfügbaren Materialien hatten, werden uns genommen. In den Bibliotheken ist es ohnehin schon schwer geeignete Literatur zu finden, nun teilen sich die Teilnehmer*innen einer Veranstaltung ein Buch, wo soll das hinführen? Deshalb appellieren wir an alle noch unentschlossenen Hochschule, dem Rahmenvertrag mit der VG Wort nicht beizutreten, um neue Verhandlungen zwischen KMK und VG Wort mit einem zufriedenstellenderen Ergebnis zu erreichen.“

Einladung zur Sitzung der LandesAStenKonferenz Niedersachsen am 17.10.2016 um 16 Uhr im AStA der Uni Hannover

Liebe Studi-Vertretungen in Niedersachsen, liebe Interessierte,

hiermit möchten wir euch zur nächsten Sitzung der LAK Niedersachsen einladen. Die Sitzung wird am Montag, den 17.10.2016 um 16:00 Uhr im AStA der Uni Hannover stattfinden.

Hier die vorgeschlagene Tagesordnung:
TOP 1: Begrüßung und Tagesordnung
TOP 2: Berichte
TOP 3: Wahl der Koordinator*innen
TOP 4: Exellenz-Strategie
TOP 5: Wort VG
TOP 6: E – BAföG
TOP 7: Mutterschutzgesetz
TOP 8: Politische Positionierung zum Wahlprogrammprozess der Parteien in Niedersachsen zur Landtagswahl 2018
TOP 9: Gesellschaft Macht Geschlecht
TOP 10: Lernfabriken Meutern Kongress
TOP 11: Sonstiges

Wir freuen uns auf die Sitzung und hoffen auf zahlreiches Erscheinen und eine konstruktive Zusammenarbeit!

Thorben J. Witt und Ronja Hesse
Koordinator*innen der LandesAStenKonferenz

Verzögerungen beim e-BAföG – oder ‚alles wird gut‘?

Nach Presseberichten über eine Verzögerung bei den BAföG-Auszahlungen hat das Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) nun Entwarnung gegeben. Die niedersächsische ASten bleiben skeptisch.

„Wir freuen uns, dass das MWK das Problem erkannt hat und mit den Studierendenwerken zusammen nach Lösungen sucht“ sagt Thorben J. Witt, Koordinator der Landes-ASten-Konferenz. „Ob mögliche Verzögerungen jedoch den vielen Neuanträgen aufgrund des Wintersemesters und der Änderung des Freibetrages zuzuschreiben sind, ist fraglich. Wir werden das in den kommenden Monaten beobachten. Solange sind wir erst einmal skeptisch gegenüber der ‚alles wird gut‘-Rhetorik des Ministeriums.“
Lisa Apking, Sprecherin des AStAs Uni Lüneburg dazu weiter: „Wir wundern uns auch weiterhin über die technischen Probleme, die bei einer Vorlaufzeit von zwei Jahren durchaus vermeidbar gewesen wären.“

Im August 2014 wurde bei einer bundesweiten Gesetzesänderung neben einer Erhöhung des BAföG-Höchstsatzes sowie des Freibetrages u.a. auch eine elektronische Antragstellung (e-BAföG) für August diesen Jahres beschlossen. Sieben Bundesländer, darunter Niedersachsen hatten sich daraufhin zusammengeschlossen, um eine gemeinsame neue Software zur Verwaltung der BAföG-Anträge einzuführen – BAföG21. Am 1. Dezember 2015 wurde diese trotz erheblicher Mängel in Niedersachsen von den Studierendenwerken eingeführt. Dies bedeutet seitdem eine erhebliche Mehrbelastung für die Sachbearbeiter*innen. Auch für das e-BAföG, das nun zum 1. August bundesweit eingeführt werden sollte, ist dieses Programm derzeit noch nicht geeignet. Zum Semesterbeginn droht nun auch ein Antragsstau aufgrund von vielen Neuanträgen wegen des Studienbeginns und wegen des erhöhten Freibetrages, aufgrund dessen sich nun viele bislang nicht berechtigte eine Förderung erhoffen.

„Die Studierendenwerke weisen da zu recht auf die Möglichkeit der Abschlagszahlungen hin. Diese Situation wäre aber dennoch vermeidbar gewesen. Die Antragstellung zu vereinfachen war ja eigentlich das erklärte Ziel der Einführung von e-BAföG,“ fügt Thorben Witt hinzu.

Weitere Pressemitteilungen von Student*innenvertretungen:  

 

Zelten statt Wohnen – Was droht den Studierenden in Niedersachsen?

Die Studienzulassung im Briefkasten, ein neuer Lebensabschnitt beginnt, alles scheint perfekt! Und was tun, wenn kein Wohnraum verfügbar ist? Na, dafür gibt’s doch Studierendenwohnheime! Meist vom Studentenwerk. Doch leider ist es für Studierende nicht so unkompliziert, wie es klingt. Um über massive Probleme zu sprechen, die es bezüglich des studentischen Wohnraums und der finanziellen Belastung seitens der Studentenwerke gibt, wird es am 27.07. ein Gespräch zwischen Studentenwerksvertreter*innen aus Niedersachsen und Landtagsabgeordneten der SPD geben.

Verschiedene Niedersächsische ASten veröffentlichen Pressemitteilungen rund um das Thema studentisches Wohnen und die entsprechenden Kosten.

Denn kostengünstiger studentischer Wohnraum ist knapp. „Nur jede*r zehnte Student*in hat in Niedersachsen die Chance auf einen Wohnheimplatz vom Studentenwerk. Durch steigende Studierendenzahlen wächst jedoch auch der Bedarf an Wohnheim-Plätzen stetig. Trotz dieser Zahlen strich die Niedersächsische  Landesregierung in diesem Jahr auch die letzten Zuschüsse für  studentischen Wohnbau. Die Einstellung der Fördermittel erfolgte mit der  Begründung, dass der Niedersächsische Landesdurchschnitt den Bundesdurchschnitt erreicht habe.“  berichtet Thorben Witt (Koordinator*in der LandesAStenKonferenz Nds.).

Doch es ist nicht nur die Wohnsituation, die es Studierenden erschwert sich auf das Studieren zu konzentrieren. Auch die finanzielle Belastung durch die Studentenwerke ist in Niedersachsen massiv. Niedersächsische Studierende zahlen Studentenwerksbeiträge von weit über 60€ pro Semester, beim Studentenwerk Ost Niedersachsen sogar 98€.

Ronja Hesse (Koordinator*in der LandesAStenKonferenz Nds.) konstatiert: „Diese enorm hohen Gebühren von bis zu 100€ kommen einer Studiengebühr durch die Hintertür gleich, dies wird von der LandesAStenKonferenz Niedersachsen strikt abgelehnt. Das Land muss hier seine Pflicht wahrnehmen und der Förderung der Studentenwerke nachkommen, ansonsten sind die Studienbedingungen in Niedersachsen ungleich schlechter, als in anderen Bundesländern. Dies trifft insbesondere Personen, die ohnehin bereits Schwierigkeiten haben ihr Studium zu finanzieren und zwar auf allen Ebenen, durch hohe Beiträge, ebenso wir durch hohe Mieten und andere hierdurch erhöhte Kosten“. 

 

Lokale Pressemitteilungen und weitere Forderungen wurden veröffentlicht von:

Studierendenvertretungen warnen vor Einschränkung von Partizipationsrechten an Hochschulen durch die Exzellenzinitiative

Die hier gemeinsam agierenden Studierendenvertretungen lehnen die Vorschläge der Imboden-Kommission als Abgesang auf Demokratie und Partizipation an deutschen Hochschulen und die Exzellenzinitiative insgesamt als falsches wissenschaftspolitisches Mittel entschieden ab. Sie warnen ausdrücklich vor einem Befeuern von prekärer Beschäftigung, einer weiteren Entdemokratisierung der Universitäten, regionalen Verwerfungen, sozialer Selektivität und Verteilungskämpfen an den Hochschulen!

Nachdem sich der Wissenschaftsrat am 13.4. mit den Vorschlägen der „internationalen Expertenkommission zur Evaluierung der Exzellenzinitiative“ auseinandergesetzt hat, tagt am 22.4. die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) und verhandelt eine neue Bund-Länder-Vereinbarung in Nachfolge der Exzellenzinitiative. Die sogenannte Imboden-Kommission rückte in ihrem Abschlussbericht insbesondere die ihrer Meinung nach ausbaufähige Governance an deutschen Hochschulen ins Zentrum der Debatte. Im öffentlichen Diskurs überwiegt seitdem das Lob für die mutige Lagebeschreibung der Expert*innen. Reaktionen, die etwa die von Dieter Imboden artikulierte Kritik an einem „falsch verstandenen demokratiebedürfnis an deutschen Hochschulen“ als verfehlt zurückweisen, waren nur vereinzelt zu hören.

Julia Friedel von der Landes-ASten-Konferenz Rheinland-Pfalz sagt: „Bereits die letzte Runde der Exzellenzinitiative hat verheerende Auswirkungen auf die Statik der deutschen Hochschullandschaft gezeigt. Die Dynamik, bei der es neben wenigen vermeintlichen Gewinner*innen auch viele Verlierer*innen gibt, ist seitens der politischen Akteur*innen gewünscht. Die Idee der Bildungspolitik ist zunehmend, nicht mehr die Frage danach aufzuwerfen, was gesellschaftlich wünschenswert ist, sondern privatwirtschaftliche Strukturen bis in den letzten Winkel ehemals öffentlich organisierter Prozesse zu tragen. Ebenso gibt es den Trend, die Reste an Partizipation zu Gunsten von noch mehr ungezügeltem Wettbewerb zu beseitigen. Damit sollen die zunehmenden Verteilungskämpfe an den Hochschulen um die nicht ausreichenden Mittel nachhaltig zu Gunsten der Spitze entschieden und der Etikettenschwindel fortgesetzt werden. Es ist jedoch eine Illusion zu glauben, dass Spitzenforschung ohne ein solides Fundament funktioniert. Anstelle einer ordentlichen Kooperation der Universitäten untereinander tritt Konkurrenzdenken und Erfolgsdruck. Was wir brauchen, ist eine angemessene, langfristige und nachhaltige Finanzierung der Hochschulen, auf deren Basis gute Forschung und gute Lehre gedeihen können, kein Disneyland für vermeintlich exzellente Wissenschaft und Prestigeprojekte. Die Lehre darf nicht als zu minimierende Belastung für die Hochschulen gesehen werden, sondern ist notwendige Bedingung für gute Wissenschaft. Was wir derzeit beobachten, ist ein gefährlicher Realitätsverlust der bildungspolitischen Akteur*innen. Im Umfeld der chronischen Unterfinanzierung gilt nämlich: Je höher die Spitze, desto niedriger der Durchschnitt und damit die Qualität des Wissenschaftssystems insgesamt.“

Mehtap Akdemir, hochschulpolitische Referentin des AStA UdK und Vertreterin der Landes-ASten-Konferenz Berlin, erklärt: „An geförderten Hochschulen stellt sich vor allem die Frage, was vor dem Hintergrund der chronischen Unterfinanzierung der deutschen Hochschulen geschieht, wenn Förderungen auslaufen, Exzellenzprojekte jedoch als politisch gewünscht fortgeführt werden sollen. Schließlich hängen die geförderten Hochschulen in Folge der bisherigen Initiative am Tropf der Exzellenzförderung. Hier liegt die Vermutung auf der Hand, dass wie in den letzten Jahren de facto Ressourcen aus der Lehre abgezogen werden, bevor prestigeträchtige Projekte wieder abgewickelt werden. Die nicht geförderten Hochschulen sehen sich ihrerseits einer immer größeren Kluft zur politisch angestrebten deutschen Ivy League gegenüber. Verlierer*innen sind in jedem Fall die Studierenden, denen eingeredet wird, sie profitierten von der Exzellenzinitiative, obgleich dies in der Praxis nicht darstellbar ist. Auch die Situation der an den Hochschulen Beschäftigten ist außerordentlich prekär. Schon jetzt sind ihre Arbeitsbedingungen nicht ausreichend einheitlich geregelt und werden durch mangelnde Sicherheit der Finanzierung weiter verschlechtert. Für sie gibt es seitens der Politik keine großangelegte Kampagne zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Der Trend zu mehr Projekt- zu Lasten der Grundfinanzierung hat vielmehr zu einer deutlichen Erhöhung des Anteils befristeter Beschäftigungen geführt. An das Märchen der Erfolgsgeschichte Exzellenzinitiative glauben nicht einmal die Gutachter*innen selbst, wenn sie davon sprechen, sie fühlten sich als Anwält*innen der Hochschulen: Die realen Ergebnisse sind ein Befeuern von prekärer Beschäftigung, einer weiteren Entdemokratisierung der Universitäten, regionalen Verwerfungen, sozialer Selektivität und Verteilungskämpfen an den Hochschulen – Entwicklungen, die sie zum Teil selbst konstatieren, ohne aber wirksame Lösungen anzubieten. Der Bund sollte für die Ausfinanzierung der Hochschulen in Haftung genommen werden, statt die Spaltung der Wissenschaftslandschaft voranzutreiben.“

Unterzeichner*innen:

  • Landes-ASten-Konferenz Bayern
  • Landes-ASten-Konferenz Berlin
  • Landes-ASten-Konferenz Hessen
  • Landes-ASten-Konferenz Niedersachsen
  • Landes-ASten-Konferenz Rheinland-Pfalz
  • Konferenz Thüringer Studierendenschaften
  • freier zusammenschluss von student*innenschaften

„Pick-Up-Artists“ und Casanovas – eine künstlerische Technik der Liebe?

Text: fantifa.frankfurt, Juni 2015

In dem von der AWO getragenen Verein K12 (Kriegkstraße 12) im Frankfurter Gallus gibt es jüngst Auseinandersetzungen um die politische Ausrichtung des Vereins. Ende 2014 übernahm ein neuer Vorstand ruckartig die Leitung des Vereins. In dem neuen Vorstand der Kriegkstraße 12 ist ein selbsternannter „Pick-Up-Artist“ der Frankfurter Flirtagentur xxxx aktiv. Die Agentur möchte Männern* Techniken vermitteln, um „Frauen zu verführen“ xxxx. Der aktuelle Vorsitzende des K12, xxxx, verharmlost die Aktivitäten seines Mitstreiters xxxx und behauptet in der Frankfurter Rundschau xxxx sei „nicht frauenfeindlich”.

Die Pick-Up-Szene und somit auch xxxx als ein Teil von ihr ist jedoch selbstverständlich frauen*feindlich. Etwas anderes zu behaupten ist nicht nur naiv, sondern viel mehr Ausdruck eines reaktionären und sexistischen Gesellschaftsverständnisses, welches leider noch viel zu oft geltende Normalität für sich beanspruchen darf und kann.

Das Selbstverständnis des, von Jusos in der SPD dominierten, neuen Vereins in der Kriegkstraße lautet auf Facebook unter anderem:  „Wir wollen es nicht einfach hinnehmen, in einer Gesellschaft zu leben, die auf der wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Missachtung Einzelner oder ganzer Gruppen aufbaut.“ Doch die sogenannte „Pick-Up-Szene“ baut auf genau solch einer politischen Missachtung der Rechte, Haltungen und Mündigkeit von Frauen* auf. Wie passt das zusammen?

Die „Pick-Up-Szene“ im Allgemeinen und xxxx Arbeitsgeber, die Agentur xxxx im Besonderen, sind nicht lediglich für „Flirt-Coachings“ zuständig, wie es in der FR heißt. Ziel der Szene ist es, in kürzester Zeit mit so vielen Frauen* wie möglich zu schlafen, bzw. sie zu letzterem auf mehr oder weniger subtile Weise zu zwingen.

Die „Pick-Up-Szene“ wurde vor allem durch ihren bekanntesten Vertreter, xxxx bekannt. Jener ruft unter anderem in seinem Unternehmen xxxx offen, direkt und ohne Scheu zu Vergewaltigung an Frauen* auf. In den Coaching Seminare empfiehlt jener selbsternannte Frauen*versteher den Männern*, Frauen* mit Gewalt – sein bekanntester „Trick“ ist der Würgegriff – zum Sex zu bringen; getreu nach dem Motto „sie wolle es doch auch“. Ein YouTube-Video von xxxx zeigt ihn in einer Fußgängerzone Tokios, wie er Frauen* am Nacken packt und ihre Köpfe in seinen Schoß drückt.

Mit Flirten, Koketterie oder auf gegenseitigem Respekt aufbauender erotischer Annäherung hat das nichts zu tun. Daher verwundert es nicht, dass xxxx den Ausdruck „Verführen“ für sich in „Führen“ umgewandelt hat; Frauen* bekäme man schließlich nur ins Bett, wenn man sie „führen“ könne. Sein Ziel: Macht über Frauen* und ihre Körper auszuüben, Dominanz auf Widerstand aufzubauen (denn ein deutliches „nein“ der Frauen* sei nach xxxx erst der genuin weibliche Ausruf des Wunsches nach Sex), Unterdrückung und Vergewaltigung zum männlichen Prinzip zu erklären.

xxxx Coaching in der Agentur xxxx in Frankfurt am Main tritt in harmlos erscheinendem Gewand auf. Laut xxxx ginge es bei dem „Pick-Up-Coaching“ darum, „man selbst zu sein“ und „in sich selbst zu investieren“. „Authentizität“ sei ihm wichtig, denn nichts sei schlimmer als „Fake“. „Man selbst sein“ ist selbstverständlich nur Männern* vorbehalten, denn es ist nach xxxx Ausdruck der Männlichkeit per se. Wenn eine Frau* meint, Mündigkeit und eigene Entscheidungskraft sei Ausdruck ihrer selbst, so weiß xxxx sofort, dass dies nur eine „Masche“ ist. Sagt eine Frau* nein zu seinen „Flirtversuchen“, so ist dies für ihn erst recht Anreiz, sie weiter zu belästigen. In einem von der ARD gedrehten Videoclip von 2014 ist xxxx– zusehen, wie er Frauen* in der Frankfurter Fußgängerzone anspricht. Zu seiner „realness“ gehöre es „ehrlich zu sein“, indem er Frauen*, die ihm gefallen – diese sind, wie nicht anders zu erwarten, alle dem normativen Schönheitsideal entsprechend jung, dünn und großbusig – sage: „Hey, du hast schöne Brüste, einen schönen Hintern.“ Von Gewalt in der Szene distanziere sich xxxx. Mit „ein bisschen Humor“ könne er auch erfolgreich sein. Das Ziel, möglichst viele Frauen* ins Bett zu kriegen, teilt xxxx. Er selbst glaubt bloß, er besäße einen „Werkzeugkasten“ (xxxx), der physische Gewalt an Frauen* nicht benötige. Selbst wenn dem so wäre, dann ist und bleibt die Art und Weise der Überredung, der Belästigung, der Einengung – all das was die „Pick-Up-Artists“ verharmlosend „Techniken“ nennen – schlechterdings auch Gewalt.

„Pick-Up-Artists“ wie xxxx versprechen Männern* mit den richtigen „Skills“ hundertprozentigen „Erfolg“ bei Frauen*. Sie glauben daran, dass sich Flirten und Koketterie professionell technisieren ließe und durch die Anwendung der Techniken Frauen* „nicht anders können“ als sich von ihnen “verführen“ zu lassen. Durch diesen Glauben an die immer gleiche Wirksamkeit der redundanten Flirttechniken – xxxx findet jede Frau* die er in genanntem Video anspricht „so verdammt hübsch“ und will mit allen „einen Kakao trinken gehen“ – stellen sich die Männer* als dominante, wissende Akteure dar, während Frauen* zu austauschbaren Waren objektiviert werden. Denn wenn ein und dieselbe Technik für alle Frauen* gültig sein soll, dann müssen die Pick-Up-Artists ihrer eigenen Logik nach annehmen, dass alle Frauen* gleich sind; ergo keine individuellen Subjekte. Andernfalls bräuchten sie Millionen verschiedene Techniken oder müssten anerkennen, dass Flirten nur dann Flirten ist, wenn alle Beteiligten es wollen.

Das von dem Soziologen Georg Simmel beschriebene Spiel zweier (oder mehrerer) Flirtpartner*innen hingegen basiert fundamental auf der Möglichkeit, sich mündig für oder gegen einen Flirt zu entscheiden. Das Flirten ist für Simmel deswegen interessant und zuweilen erotisch, weil es stets mit der Ungewissheit operiert, ob die andere Person sich annähern wird oder nicht. Ungewiss ist das Begehren der anderen Person also, weil ich von der Möglichkeit ausgehen muss, dass sich die andere Person jederzeit abwenden kann.
Diese Ungewissheit und die stets anwesende Möglichkeit, nein zu einem Flirt zu sagen, kann es im „Pick-Up-Coaching“ nicht geben, sonst wäre die erfolgsversprechende Technik keine Technik mehr und die Anwendung derselben scheiterte. Daher bauen xxxx Anmachen und die seiner Kollegen fundamental auf einer Machtasymmetrie auf: Frauen* sind „Objekte“, deren mögliches „Nein“ ohnehin nicht akzeptiert wird, da es in der Technik der Pickup-Artists nicht vorgesehen ist, weil Männer* die aktiven Subjekte sein sollen.

Seltsam mutet in diesem Kontext zudem die Selbstbezeichnung „Artist“ an: Ist jemand, der für sehr viel Geld lernt, wie man Frauen* ins Bett kriegt, ein Künstler? Was hat das Erlernen von Techniken der Unterdrückung mit Kunst zu tun? Ist es kreativ, zwanzigmal täglich Frauen* mit dem gleichen Spruch anzumachen?

Unbeachtet bleibt, und das ist trotz der widerlichen Tragik dieser Szene interessant, dass durch die Betonung des Coachens, Lernen, Weiterbildens und Bearbeitens von Maskulinität und Männlichkeit sich letztere noch in ihrer zwanghaft heterosexuellen Typologie als eine Geschlechtlichkeit herausstellt, die nicht qua Geburt gegeben ist, sondern erlernt werden muss. Schließlich können, so xxxx Co, alle Männer* die zuvor schüchtern, zurückhaltend und emphatisch waren – in den Pick-Up-Artist Augen also unmännlich – lernen, „richtige Männer“ zu sein.

In diesem Sinne ist xxxx als Teil der „Pick-Up-Szene“ Ausdruck eines antifeministischen Roll-Backs, an dem sogenannte Maskulinisten, die selbsternannten Gender-Gegner bei PEGIDA, HoGeSa, AfD, CDU, CSU (usw.!), aber auch der allgemeine konservative Normalzustand, beteiligt sind.

Den selbsternannte Verführungskünstlern und Maskulinisten sei hiermit der Kampf angesagt.

Für eine Flirtkultur der Mündigkeit und Lust aller Beteiligten, gegen gelebte Omnipotenz- und Vergewaltigungsphantasien.

„Pick-Up-Artists“: Ein fragwürdiges Phänomen von ‚Verführung‘

Text: Christina Schmidt, Juni 2015

Flirten – diese erotisch konnotierte Annäherung zweier Personen ist in unserer heutigen Gesellschaft alltäglich. Es geht um das Spiel zwischen zwei Personen mit dem Ziel, sich näher zu kommen, sei es verbal oder physisch.

Die schöne und auf Freiwilligkeit basierende Auseinandersetzung mittels des Flirtens kann aber auch missbraucht werden, durch perfide Methoden, die alles andere als ein prickelndes Gefühl hinterlassen, sondern Angst und Bedrängung als Mittel zum Zweck haben: die Annäherung an eine andere Person, die im Geschlechtsverkehr mit eben jener Person enden soll. Diesen Missbrauch des Flirts zeigen par excellence die aktuellen Situationen zwischen so genannten „Pick-Up-Artists“ und Frauen*.

Pick-Up-Artists sind Männer*, die der gleichnamigen Szene angehören. Die Szene ist aufgeteilt in so genannte „Gurus“ und „Anhänger“. Die „Gurus“ versprechen den „Anhängern“, ihnen in Seminaren und Workshops zu mehr Selbstbewusstsein und zur Stärkung des eigenen „Ichs“ zu verhelfen. Dies soll geschehen, damit die Seminarbesucher* in der Lage sind, Frauen* anzusprechen und diese schlussendlich ins Bett zu bekommen. Hinter dieser Methodenvermittlung und Selbstbewusstseinsstärkung stehen Taktiken, die auf der Erniedrigung und Bedrängung von Frauen* beruhen und Gewalt an Frauen* miteinschließen. Hiervon wird sich seitens der Szene allerdings deutlich distanziert.

Dabei zeigen Taktiken, die in der Szene als „push&pull“, „freezing“ und „last resistance“ bezeichnet werden, den manipulativen Moment eindeutig, der von Sexismus strotzt. Die Taktik des „push&pull“ sieht ein stetiges Anlocken und Wegstoßen der Frau* vor. Zunächst macht sich der Mann*, der Pick-Up-Artist, durch Komplimente, welche an die Frau* gerichtet sind, attraktiv und gewinnt ihre Aufmerksamkeit. Hat er diese, beginnt der „push“-Teil, in dem er der Frau* Beleidigungen an den Kopf wirft, um sie danach wieder mit Komplimenten an sich heran zu ziehen – der „pull“-Teil. Die absurd erscheinende Taktik findet in der Szene ihre präsenteste Anwendung, wie auch Leonie Viola Thöne, die mit 22 Jahren eine Doktorarbeit über die „Pick-Up-Szene“ schrieb, in einem Interview bestätigt. Weitaus unfassbarer erscheint die „freezing“-Taktik. Freezing basiert auf totaler Ignoranz und dem Brechen der Situation in der sich PUA und Frau* befinden. Stellt man sich folgendes Szenario vor, wird die Taktik deutlich: Ein Pick-Up-Artist befindet sich in einem öffentlichen Raum, beispielsweise in einer Bar. Eine Frau* wird auf ihn aufmerksam und signalisiert ihm dies durch häufiges Ansehen, Lächeln oder auf eine andere Art und Weise. Der Pick-Up-Artist, der in den vorher besuchten Seminaren eben solche vermeintlichen „Signale“ zu erkennen „lernt“, registriert das Verhalten der Frau*, reagiert darauf durch ähnliche „Signale“, wie einem Nicken, Lächeln, etc., einmalig und bricht danach die Situation, indem er sich woanders hinstellt und die Frau* ignoriert. Dem Denken der Pick-Up-Artists zufolge, erhöht dieses Verhalten das Interesse der Frau*, sodass das Ziel des Pick-Up-Artist, Sex, im Prinzip schon erreicht sei. Auf die Spitze getrieben wird dieses Denken durch die Taktik „last resistance“. Diese kommt zum Einsatz, wenn es der Pick-Up-Artist geschafft hat, in die Wohnung der Frau* mitzukommen. Kommt es nun dazu, dass Mann* und Frau* kurz davor sind miteinander zu schlafen, die Frau* dann aber doch zögert, setzt die „last resistance“ Taktik ein. Diese setzt sich aus „push&pull“ und „freezing“ zusammen. Nach der Theorie der Pick-Up-Artist-Szene kommt es nach einer „angemessen“ langen Ausführung dieser Taktik, dies kann bis zu zwei Stunden dauern, zum, vom Pick-Up-Artist angestrebten, Beischlaf.

Die wie ein Spiel wirkenden Taktiken sind üble und unangemessene Verhaltensweisen, die das Ziel verfolgen, dass die gegebene Situation zwischen Pick-Up-Artist und Frau* einzig von dem Mann* beherrscht wird. Gefühle werden dabei, zumindest von Seiten des PUAs, außer Acht gelassen. Selbst wenn es in jenen Situationen auch bei den PUAs um Gefühle ginge, steht hinter den Verhaltensmustern eine ausgeprägte Form von Sexismus, bei der hegemoniale Männlichkeit und männliche Herrschaft kontinuierlich reproduziert werden. Diese Reproduktion eines unausgewogenen Herrschaftsverhältnisses zwischen Mann* und Frau* zeichnet sich in der Angst der Pick-Up-Artists vor einer so genannten „Betaisierung“ ihres Selbst durch die Frau* aus. Betaisierung heißt hier „die Untergrabung ihrer Männlichkeit durch das vermeintlich schwächere Subjekt“ (Leonie Viola Thöne). Die Männer* bezeichnen sich selbst als „Alpha“, eine Tatsache, die auf ihr Verständnis von einer „normalen Ordnung“, einer zweigeschlechtlichen Gesellschaft, schließen lässt, konkret zudem eine Reproduktion von hierarchischer Ordnung bedeutet.

Macht über die Situation und Erniedrigung als Ziel

Das Phänomen der Pick-Up-Artists kommt nicht von ungefähr. Entstanden in den 80er Jahren, bekommt die Szene ihr Fundament durch xxxx, einem Dating Coach, der Anmachstrategien in seinem Buch „How to get the Woman to desire you in Bed“ veröffentlicht und diverse Strategien, die der Neurolinguistischen Psychologie zuzuschreiben sind, in seiner Schrift „Speed Seduction“ zusammenfasst. Neurolinguistische Psychologie beinhaltet die Methode der Neurolinguistischen Programmierung, welche die Umprogrammierung des Gehirns mittels Sprache vorsieht.

Neben xxxx ist auch xxxx, ein Schüler von xxxx, Begründer der Szene. xxxx gründete die xxxxx, das erste Netzwerk aus Blogs, Internetforen und Mailinglisten. Eine Plattform, die einen Austausch von Anmachstrategien, Erfahrungen und Erlebnisberichten ermöglicht.

Der prominenteste Vertreter der Pick-Up Szene in der heutigen Zeit ist xxxx. Ein Mann, Mitte 20, aus den USA stammend und so genannter „Guru“ der Szene. Er ist der bekannteste Vertreter der Szene, in der Öffentlichkeit aktiv und in seinem erniedrigenden Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht kaum zu übertreffen. Seine Taten waren bis vor ein paar Monaten im Netz zu sehen und vielfach angeklickt. xxxx spazierte durch Bars und Clubs, packte Frauen am Hals und drückt ihre Gesichter in seinen Schritt – und ließ die Köpfe der jeweiligen Frauen erstmal dort. Dies ließ er filmisch dokumentieren und ins Netz stellen. Die Tatsache, dass diese Aufnahmen mittlerweile gelöscht sind, macht die abscheuliche Tat nicht vergessen. Angeklickt wurden die Videos oft genug. xxxx propagiert Verführung als ein Richtungsweisen der Frau*, die es nach seinem Verständnis „ja auch wolle“. Eben jenes Richtungsweisen der Frau* beruht allerdings auf physischer und verbaler Gewalt, sowie einer gewaltvollen Überschreitung gesetzter Grenzen, sowohl in Bezug auf den jeweiligen eigenen Raum, als auch auf einen generell respektvollen Umgang mit Menschen.

Von einem gewaltvollen Missbrauch von Frauen* wird sich seitens der Firma xxxx der xxxx angehört, strikt distanziert. Diese Distanzierung entpuppt sich allerdings als reine Fassade, wenn man* die Glaubenssätze, die xxxx in seinen Veranstaltungen vermittelt, betrachtet. In eben jenen Veranstaltungen vertritt xxx- Gewalt an Frauen* als anwendbare und akzeptable Methode, die Mann* anwenden könne, um sein „Ziel“ zu erreichen. Somit sei Gewalt an Frauen*, im Sinne der Pick-Up-Artists (!), vertretbar.

Mittlerweile ist xxxx der Vergewaltigung angeklagt.

Altes Thema – neue Methoden

Die Frage, ob das Phänomen der Pick-Up-Artist-Szene ein neues ist, muss verneint werden. Der Inhalt dieser Szene, deren tatsächlicher Gehalt Sexismus ist, ist nicht erst mit xxxx entstanden. Bereits frühe Casanovas und Schürzenjäger, die in der Literatur und in der Geschichte auftauchen, können als die Ursprungsform eines Pick-Up-Artists bezeichnet werden. Gleichwohl deutlich gemacht werden muss, dass die heutige Gesellschaft von (alltäglichem) Sexismus strukturell durchzogen ist. Folgt man der sozialpsychologischen Definition von Sexismus, so lässt es sich in breiter Form als eine „stereotype Einschätzung, Bewertung, Benachteiligung oder Bevorzugung einer Person allein auf Grund ihrer Geschlechtszugehörigkeit“ definieren. Sexismus beinhaltet ebenso eine stetige Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Rollen, wobei diese Aufrechterhaltung meist Frauen* in untergeordnete Rollen und in Positionen mit weniger Macht drängt, als Männer* Diese Vorgänge waren und sind im gesellschaftlichen Kontext stets zu beobachten und wurden somit von der Pick-Up-Artist-Szene nicht neu erfunden. Das Neue an den Vorgängen der Szene sind die strukturellen und szenischen Vorgehensweisen der Männer*. Es gibt festgesetzte Sprüche, so genannte „Opener“, die ein Gespräch eröffnen sollen, ebenso wie genannte Taktiken (s.o.), die Teil der Ideologie der Szene sind. Ebenfalls neu an dem Phänomen der Pick-Up-Artist-Szene ist die Präsenz der „Artists“ in Medien, sozialen Netzwerken, Foren und Blogs, die sich nicht lediglich auf angelegte Profile etc. beschränkt. In den Blogs und Foren werden erlebte Situationen mit Frauen en détail geschildert eindeutig dargestellt. Konkret bedeutet dies eine Diskriminierung und Bloßstellung der Frauen*, die nicht davor scheut jedes kleinste Detail zu benennen. Es wird sich mit dem Erlebten gebrüstet, wie auch eine Verherrlichung stattfindet, nach dem Motto „je mehr [Frauen*], desto besser“. Die Reproduktion von männlicher Herrschaft und hegemonialer Männlichkeit ist dabei zentral und stets existent. Des Weiteren sprechen Pick-Up-Artists dem, in ihren Augen, vermeintlich schwächeren Geschlecht jeglichen Subjektstatus ab. Die Frau* wird zum Objekt der Verführung seitens der Männer*. Pick-Up-Artists verstehen ihre Taktiken und Methoden als Mittel zur Verführung, die sich, im Sinne der „Artists“, in eben jenen Methoden und Taktiken äußert. Durch die Tatsache, dass stets die gleichen Methoden angewendet werden, gibt es keine Unterscheidung zwischen Persönlichkeiten, Charakterzügen, Verhaltensweisen etc. der Frauen*. Im Denken der Pick-Up-Artist-Szene sind alle Frauen* mit gleichen Methoden und Taktiken zu „verführen“. Dies ist der Beleg dafür, dass Frauen* in dieser Szene kein individueller Subjektstatus zugesprochen wird.

Vertreter der Szene sind auch in Frankfurt zu finden, die sich als Pick-Up-Artists bezeichnen, der Ideologie folgen und dies auch öffentlich ausleben. xxxx, der sich auf seinem „Künstler“-Profil, im sozialen Netzwerk Facebook, xxxx nennt, ist einer von ihnen. Auf seiner Seite bedankt sich xxxx für die Bezeichnung als „Hot Bitch slayer“. Andererseits schreibt er, dass er es sich zur Aufgabe gemacht hat, Männer* dazu zu bringen, dass sie sich wieder trauen, sich zu verlieben. Zudem brüstet er sich damit, dass er jede Frau* ins Bett bekommen kann, wie er in einem WDR-Interview mit den Worten „absolut jede“ deutlich klarstellt. Außerdem folge er dem Credo der Szene, dass Mann* die Frau* besser hinterlassen solle, als er sie vorgefunden habe, ebenso wie er der Ansicht ist, dass man* die Frau* glauben lassen kann, dass ihr Wert über dem des Mannes* steht. Dies nimmt er in genanntem WDR-Interview als Beispiel dafür, dass er sich von sexistischen Ansichten und gewaltvollen Taten seitens der Pick-Up-Artists gegenüber Frauen* distanziere. Das Sprechen über Werte zweier Geschlechter, vor allem in der Darstellung wie xxxxsie aufzeigt, zeugt schon von einem Hierarchieverhältnis, welches durch eine solche Aussage produziert und reproduziert wird.

Ein zweiter öffentlich auftretender und bekennender Pick-Up-Artist ist xxxx, zugehörig zur Dating-Agentur xxxx von xxxx, Mitbegründer der deutschen Pick-Up-Artist-Szene, und xxxx. In einem von der ARD produzierten Videoclip, erschienen im Jahr 2014, spaziert der xxxx und spricht Frauen* an. Anstelle eines „Hallos“ oder einer sonstigen Anrede, äußert er Sätze wie „Man muss ehrlich und direkt und einfach ein Mann sein“ oder „Ich habe dich gerade gesehen und du bist super hübsch. Und für solch ein Kompliment musst du dir doch einfach Zeit nehmen“. Die angesprochenen Frauen* lachen meist, gucken weg, gehen weiter oder lassen sich Ausreden einfallen, um darauf nicht weiter eingehen zu müssen. xxxx „Daygame“, wie die Anmache am Tag in der Szene bezeichnet wird, scheint einfach, verschleiert aber die Bedrängung und Grenzüberschreitung, die dahinter steht. Auf seiner xxxx Seite spricht er von dem Mut, Frauen* anzusprechen, von eigenen Erfahrungen und von der Verwandlung der Frau* vom hässlichen Entlein am Tag zum schönen Schwan in der Nacht. Das „Nightgame“ dürfte nach dieser Aussage bei xxxx. wohl ganz anders aussehen. Das Problem hinter der banal erscheinenden „Anmache“ von xxxx. ist, dass nicht verstanden wird, welchen Inhalt diese „banale Anmache“ hat. Der Sexismus, der dabei offen ausgedrückt wird, wird verkannt. So trat xxxx. als Referent auf einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Mainz auf und hielt einen Vortrag über Kommunikationsstrategien. Dies zeigt die allgemeine Verharmlosung der Pick-Up-Artist-Szene in der Gesellschaft, wie auch in Institutionen wie beispielsweise der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Die angebotenen Seminare von z.B. xxxx zeigen ihre Wirkung, wie aktuelle Geschehnisse zeigen. Im April und im Mai gab es an der Goethe Uni Vorfälle, bei denen ein Mann*, der an Pick-Up-Seminaren teilnimmt, Studentinnen* abfing und ansprach.

Franzi N. (21), Geschichtsstudentin* der Uni, wurde am 16.April von einem Mann*, der sich als xxxx aus Kolumbien“ vorstellte, angesprochen. Anfang Mai trat jener Mann* wieder in Erscheinung und sprach Karin P. (24) an. Beide Male war sein Verhaltensmuster ähnlich: Er baute eine Szenerie auf, was ein typisches Merkmal von Pick-Up-Artists ist, war freundlich, wirkte unsicher und brachte beide Frauen* in Bedrängnis durch Grenzüberschreitung und verbale und physische Nötigung.

Xxxx ist ein stattlicher Mann mit einer Größe von etwa 1,85m, mit sonnengebräunter Haut, braunen Augen, einer beginnenden Glatze, die übrigen Haare sind schwarz, und einem freundlichen Schmunzeln im Gesicht. Er sprach Franzi gegen 17 Uhr auf dem IG-Farben Campus an. xxxx wirkte unsicher, lief aber, nachdem er Franzi entdeckt hatte, geradewegs auf sie zu. Er stellte sich der Geschichtsstudentin* vor und gab ihr die Hand. Die Studentin* wies dies nicht ab, da sie einen Händedruck als „nicht abnormal [ansehe], wenn man sich einer anderen Person vorstellt“. Anstatt ihre Hand wieder loszulassen, hielt er sie fest und sprach über eine Umfrage, die er mache. Bis zum Gesprächsende ließ xxxx Franzis Hand nicht los und stand am Ende nur noch 10 cm von ihr entfernt. Die einzige Möglichkeit für Franzi, sich aus der Situation zu befreien, war, sich loszureißen.

Das Treffen zwischen Karin P. und xxxx fand in der U-Bahn statt. In der Bahn waren insgesamt nur vier Plätze belegt, trotzdem setzte sich xxxx der sich da als xxxx vorstellte, neben Karin, obwohl diese eine große Sporttasche neben sich stehen hatte. Diesmal sprach xxxx darüber, dass er gerade Deutsch lerne, sich in seiner Aussprache und Artikulation unsicher sei und, dass er am Eschenheimer Tor aussteigen müsse, aber nicht genau wisse wo das sei und Karin daher bat, ihm Bescheid zu sagen. Karin hörte eher desinteressiert zu, bis xxxx– sagte, dass er eine Freundin brauche, mit der er Deutsch sprechen könne und, dass sie ja seine Freundin sein könne. Die Möglichkeit für Karin, sich in dieser Situation zu behaupten, war schlagartig nicht mehr gegeben, sie war verdutzt und fühlte sich zunehmend unwohl. Beendet wurde die Situation, als die Bahn am Eschenheimer Tor ankam und Karin xxxx- sagte, dass er an dieser Station aussteigen muss. xxxx ist dann tatsächlich auch ausgestiegen. Karin gibt aber zu, dass sie nicht gewusst hätte „was [sie] hätte machen sollen, wenn er sitzen geblieben wäre“.

Was tun?

Mittlerweile sind Pick-Up-Seminare in ganz Deutschland angekommen. In den Großstädten München, Frankfurt und Hamburg fanden im letzten halben Jahr nach offiziellen Angaben mindestens vier Veranstaltungen statt. Da Seminare nicht nur in geschlossenen Räumen stattfinden, sondern auch auf offener Straße, teils öffentlich zugänglich, teils verdeckt, ist die Dunkelziffer groß.

Ob der Tatsache, dass ein generelles Verbot dieser Seminare aufgrund der Rechtslage nicht möglich ist und das Einreisen von Personen wie xxxx ebenfalls rechtlich erlaubt ist, konnte ein Seminarwochenende der Firma xxxx in Frankfurt vom sechsten bis achten März stattfinden. Da der Veranstaltungsort erst bekannt gegeben wird, wenn die Gesamtsumme von 3000 Euro überwiesen wurde (bei xxxx beginnen die Seminarpreise bei rund 500 Euro), baten Oberbürgermeister Peter Feldmann und Frauendezernentin Sarah Sorge in einem offiziellen Brief an alle Hoteliers und Stadtverordneten, jegliche Anfragen der Vaterfirma der Pick-Up-Artists abzulehnen. Das Seminar fand dennoch statt – mitten auf der Zeil. In jenem offiziellen Brief wird die Vorgehensweise der Pick-Up-Artists als „menschenverachtend“ betitelt, in denen „sexuelle Gewalt, Übergriffe und Nötigungen propagiert werden“. Zudem wisse die Polizei um „die Versuche der Pick Upper, in Frankfurt Fuß zu fassen und sei bereit einzuschreiten“.

Die Pick-Up-Artist-Szene muss als gefährlich, menschenverachtend und sexistisch verstanden werden. Es muss eine angemessene Aufklärung über ihre Taktiken, die einzig die Erniedrigung von Frauen* im Sinn haben, stattfinden. Dennoch darf und sollte keine Stigmatisierung aller Männer* stattfinden, die Frauen* ansprechen. Stattdessen muss sich die Handlungsweise der Pick-Up-Artists als falsche etablieren. Der Gebrauch von Methoden, um das Ego, mittels Demütigung und Diskriminierung des anderen Geschlechts, zu stärken, darf nicht akzeptiert werden. Eine Toleranz für Sexismus und sexistisches Verhalten darf es nicht geben.